
Das Weltraumlabor Columbus

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Mit Hund und Bleistift
„Learning by doing“ ist Russisch
„Das ist Russland.“ Wenn Peter Pflug dies sagt, meint er damit
die Kunst der Improvisation, die sich wie ein roter Faden durch die russische
bzw. sowjetische Raumfahrtsgeschichte zieht. Der international erfahrene Raumfahrtingenieur
ist nicht nur Zeitzeuge der jüngeren Raumfahrthistorie. Durch viele Russlandbesuche
erlebte er die dortige Entwicklung hautnah mit. „Typisch für die
Russen ist ihr Pragmatismus“, sagt Pflug. So erzielten sie nach der Devise
„Learning by doing“ erste Erfolge in der unbemannten Raumfahrt.
Zwar verglühte Sputnik 1 beim Wiedereintritt in die Atmosphäre, aber
die verbesserte Raumsonde Luna stellte schon 1959 auf dem Mond einen Wimpel
der UdSSR auf – zehn Jahre, bevor die ersten Amerikaner landeten. Und
sieben Jahre später konnten auch schon erste Fernsehbilder durch Luna 9
übertragen werden. Aus allem nur irgendwie Verfügbaren sei etwas Nützliches
gebaut worden. „Russen finden mit einfachsten Mitteln immer eine Lösung“,
erläutert Pflug. So nahmen – während die Amerikaner monatelang
an einem weltalltauglichen „Space-Pen“ arbeiteten, der auch in der
Schwerelosigkeit schreibt – die Russen einfach einen Bleistift.
Und während in den USA lange und teure Versuche auf der Erde gemacht wurden,
schossen die Russen kurz entschlossen Tiere ins All. Wie 1957 den Hund Laika.
Sie setzten weitere Meilensteine: Als erster Mensch umkreiste Yuri Gagarin in
der Kapsel Vostok 1 die Erde. Bevor er auf einem frisch gepflügten russischen
Acker auf den Boden der Tatsachen zurückkehrte, schwirrte er genau 108
Minuten durch die Umlaufbahn. Das ist zwar weniger Zeit als noch heute der Zug
von Hamburg nach Rostock benötigt, doch war Gagarins Reise mit einem erheblich
höheren Aufwand verbunden.
Und auch bei den Frauen hatten die Sowjets die Nase vorn: 1963 flog Vladimirovna
Tereshkova als erste Frau in unendliche Weiten. Diese Fortschritte wurden in
der westlichen Welt natürlich genau registriert. Der Wettlauf um die Erkundung
des Weltraums hatte längst begonnen. So verstärkten die Amerikaner
ihre Bemühungen und schickten 1962 John Glenn in einer Raumkapsel auf die
Reise. Doch die Russen setzten noch eins drauf: Alexey Leonov „spazierte“
1965 frei schwebend durchs All – verbunden nur durch eine „Nabelschnur“
mit seiner Voskhod-Kapsel.
Wie die Amerikaner, setzten sich auch die Russen das Ziel, Menschen auf den
Mond zu bringen. Nach vier erfolglosen Startversuchen stellten sie ihr Programm
jedoch ein. Es hatte in Gesellschaft und Politik keinen Rückhalt mehr,
das Risiko der Blamage durch Fehlschläge und Verluste war zu groß.
Deshalb nahmen die Russen stattdessen den nächsten logischen Schritt in
Angriff: den Aufbau bemannter Stationen im All. Zwei Jahre nachdem die Amerikaner
Neil Armstrong und Edwin Aldrin den Mond betreten hatten, wurde die erste russische
Raumstation „Saljut“ ins All geschossen. Trotz der großen
Konkurrenz zeigten Russen und Amerikaner am Ende des Kalten Krieges Friedenbereitschaft:
In einem symbolischen Akt führten Kosmo- und Astronauten 1975 gemeinsam
das Dockingmanöver der Kapseln „Apollo“ und „Sojus“
durch.
Als erster deutscher Weltraumfahrer besuchte DDR-Bürger Sigmund Jähn
1978 die „Saljut“. Im selben Jahr wurde die Station erstmals per
automatischem Lastenschlepper mit Wasser, Treibstoff, Atemgasen, Experimenten
und Dingen des täglichen Lebens wie Nahrungsmittel oder Zeitungen versorgt.
Ermutigt durch die guten Erfahrungen mit „Saljut“ starteten die
Russen ihr bis dahin größtes Projekt: den Bau der Station „Mir“.
Insgesamt arbeiteten dort 28 Crews, 27 internationale Besatzungen aus zwölf
Nationen besuchten die Station. Mehr als einmal schwebte die „Mir“
am Rande einer Katastrophe. 1997 löschte der deutsche Astronaut Reinhold
Ewald ein Feuer und rettete damit der gesamten Besatzung das Leben. Die „Mir“
war bis 2001 im Einsatz und damit viel länger als geplant – 14 statt
8 Jahre. Auch hierfür zeichnete neben gesammelten Erfahrungen erneut auch
das Improvisationsvermögen der Russen verantwortlich.
An der Spitze der internationalen Zusammenarbeit steht die Internationale Raumstation
ISS. An ihr sind nicht allein Russen und Amerikaner beteiligt, sondern auch
Japaner, Kanadier und Europäer wie Deutsche und Franzosen. 1998 wurde das
erste Teil „Zarya“ im All positioniert. Seither wird die ISS mit
Hilfe von Shuttles aufgebaut. Die Länge der Missionen ist unterschiedlich.
Sie dauern meist zwischen 9 und 16 Tagen. Die Aufgaben machen oft Weltraumspaziergänge
erforderlich. Mit Hilfe eines Raketenrucksacks können sich die Kosmo- wie
Astronauten in der Umlaufbahn bewegen. Die dicken Handschuhe erschweren die
Arbeit, hinzu kommt die Schwerelosigkeit. Diese lässt die Weltraumfahrer
quasi „wegfliegen“. So bleibt kaum Zeit, die Sicht auf den blauen
Planeten zu genießen. Es sei denn, man nimmt sie sich: Bei einem der ersten
Weltraumspaziergänge in den 60er Jahren hat die Erde einen Kosmonauten
derart fasziniert, dass er sich weigerte, zurück in die Kapsel zu gehen.
Als er nach mehreren Aufforderungen endlich dazu bereit war, traten Probleme
auf. Der Anzug hatte sich im Vakuum aufgebläht. Der Kosmonaut passte nicht
mehr durch die Luke. Der Druck in seinem Anzug musste gesenkt werden. Eine lebensgefährliche
Aktion mit letztlich glimpflichem Ausgang und ein weiteres Beispiel für
den Pragmatismus der Russen. „Learning by doing“ – trotz manchen
Rückschlages ein Rezept für Erfolg.
Janine Jäger und Gabriele Karsten
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| Die russische Raumstation MIR. Foto: NASA |
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| Die amerikanische Raumfähre Space-Shuttle. Foto: NASA |
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