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Kontrollen geschafft - das Wetter streikt

Bevor eine Experimentieranlage ins All darf, sind viele Tests nötig

Zweiter Start: 5. Juni 2002, Cape Canaveral. "Jetzt heißt es nur noch: Daumen drücken!" Andreas Schütte, Systemingenieur bei Astrium, bibbert mit seiner Crew. "Hoffentlich klappt es dieses Mal." Der letzte Start musste wegen heftigen Unwetters verschoben werden. Doch alles läuft nach Plan. Ihr Baby, die MSG (Microgravity Sciences Glovebox), eine abgeschlossene Experimentierbox, hebt sicher im Shuttle Richtung Unendlichkeit ab. Fünf Jahre wurde geschraubt, gebastelt und getestet. Immer wieder waren Reparaturen nötig. Nun ist es geschafft. Eigentlich ein freudiges Ereignis, "jedoch bin ich auch etwas traurig", sagt Schütte, "wir haben das Projekt lange begleitet und geben es nun an die Amerikaner ab, schweren Herzens!"

Wie die Idee zur Wirklichkeit wurde

Wegen der Schwerelosigkeit im All war es bisher nur schwer möglich, Experimente mit Flüssigkeiten durchzuführen. Daraus entwickelte sich die Idee: "Wir brauchten einen abgeschlossenen Raum, aus dem keine Stoffe in die Atemluft der Astronauten gelangen können." Ein Prototyp wurde im ersten Schritt (Ground Unit) geplant. Die MSG, eine Art Handschuhbox für Versuche, war geboren. In der zweiten Phase entwickelte das Team eine Trainingsform der MSG. Daran konnten sich die Ingenieure so richtig auslassen und per Computer Fehler simulieren. In der dritten und vierten Einheit baute das Astrium-Team zwei weitere Anlagen. Das Original für die ISS (International Space System) und ein identisches Modell für das Bodenkontrollzentrum in Florida.

Sicherheit als oberstes Gebot

Auch der "Experimentierkasten" MSG darf nicht ohne weiteres mitfliegen. Schütte: "Sicherheit ist das oberste Gebot. Schon geringste Fehler, die uns auf der Erde völlig harmlos erscheinen, können im All fatale Folgen haben." Zerbricht bei einem Versuch beispielsweise ein Reagenzglas, so können die Astronauten durch die Schwerelosigkeit umherfliegende Teile einatmen und verschlucken. MSG bietet nun die Möglichkeit, in einem verschlossenen Raum zu experimentieren. Somit können die Wissenschaftler in der Raumstation auch mit giftigen oder brennbaren Stoffen arbeiten. Sogenannte "Vertinglines" saugen zum Beispiel gefährliche Abgase ab und leiten sie nach draußen, der Innenraum und somit auch der Astronaut kommt also nicht damit in Kontakt.

Keiner kommt ungecheckt einfach so ins All

Damit auch wirklich nichts schief geht, muss bereits auf der Erde alles funktionieren. Deshalb wird die komplette Technik des MSG erst von den Ingenieuren der Firma Astrium in Bremen getestet. Drei Wochen vor Start wird die Anlage nach Amerika geflogen und im Kennedy Space Center nochmals von der NASA untersucht, um Transportschäden auszuschließen. Besonders wichtig für solch eine Anlage ist es, dass sie strahlungsunempfindlich ist. "Wenn später die verschiedenen Schränke in der Raumstation nebeneinander eingebaut sind, dürfen sich die Anlagen nicht gegenseitig beeinflussen oder sogar stören", meint Schütte. Das MSG darf also weder auf elektromagnetische Strahlung reagieren noch selbst aussenden. Auch die Eigenschwingung der Einzelteile muss stimmen. Jeder Bestandteil wird deshalb zuerst für sich und später in der kompletten Anlage auf Vibration gecheckt. Damit das Gerät nicht zum nervenden Begleiter wird, überprüfen die Techniker die Box auch auf Geräusche. Lüfter und Ventilatoren können das Gehör auf Dauer schädigen. Schütte: "Ein Astronaut muss immerhin bis zu 90 Tage im Universum mit allen Geräten leben." Auf der russischen Raumstation MIR erlitten mehrere Kosmonauten Hörschäden. "Keiner kontrollierte damals den Lärm der Anlagen."

Die MSG - kein Einzelfall. Alle Experimentieranlagen, die später im All in einer Raumstation installiert werden, müssen ähnliche Checks bestehen. Die MSG flog als erste europäische Nutzlastanlage zur ISS. Damals kribbelte es der Crew in den Fingern. Neben mehreren Millionen Euro kostete die Experimentierbox mindestens drei Tonnen Schweiß, eine Menge Kaffee und strapazierte Nerven. Wenn wieder eine Forschungseinrichtung alle Kontrollen hinter sich hat, heißt es erneut warten - und zwar auf gutes Wetter. Bei der MSG dauerte es fünf Tage...

Susann Funke und Marcus Prade

MSG mit Astronautin Peggy Whitson. Foto: NASA




MSG mit Ingenieur Andreas Schütte. Foto: EADS SPACE Transportation




MSG im EMV-Labor mit den Ingenieuren Axel Harms und Andreas Schütte. Foto: EADS SPACE Transportation
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