
Das Weltraumlabor Columbus

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Schusssichere Weste für das Weltraumlabor
Wie sich das Columbusmodul gegen Weltraummüll schützt
"Krächz!" Jan schreckt auf. Sein Herz wummert: "Was war
das?" Jetzt hört man nur noch die übliche Geräuschkulisse
der Raumstation: Lüftung, Funkverkehr… "Krach!", schon
wieder! Hastig steckt er den Schraubenschlüssel, mit dem er gearbeitet
hat, wieder zurück in die Schublade und hangelt sich eilig zum Funkgerät.
"Es hört sich an, als würde das Labor auseinander fallen, ich
werde ganz nervös dadurch! Was ist denn das?" "Keine Angst, bleib
einfach ganz ruhig, in fünf Minuten kommt Stefan Wübker zur Arbeit
und der kann es dir bestimmt erklären… ach, da kommt er schon. Stefaaaan!
Wir brauchen Hilfe, es gibt Probleme auf der Station". Stefan Wübker,
Ingenieur bei EADS Space Transportation (EADS ST) kommt heran. Nachdem er sich
das Problem hat schildern lassen, funkt er gleich zurück: "Also, ich
hatte damit schon gerechnet, ihr seid der Sonne ja im Moment zugewandt. Der
Schutzschild der Station besteht aus mehreren Materialien, die sich bei Hitze
unterschiedlich stark ausdehnen und durch die Unebenheit der Oberflächen
aneinander reiben. Daher kommt das Knacken. Du brauchst aber keine Angst haben,
es kann dir nichts passieren. Wir arbeiten ja im Moment an dem Columbusmodul,
dem europäischen Weltraumlabor der ISS. Da kommt auch das Thema "Schutzschild"
auf uns zu. Wir geben deine Beschwerde auf jeden Fall an die Experten weiter,
sie sollen sich da mal Gedanken machen. Hoffentlich können sie Materialien
finden, die nicht so unterschiedlich in ihrer Ausdehnung sind. " Stefan
erläutert Jan, was das Schwierige an der Herstellung eines Schutzschildes
ist. Es muss seinem Namen alle Ehre machen und so eine Art "kugelsichere
Weste" für die Station darstellen, denn Mikrometeoriten und Weltraummüll
prallen mit enormer Geschwindigkeit auf die Hülle und selbst kleinste Teilchen
können großen Schaden anrichten.
Es muss also jedes ankommende Objekt möglichst stark abgebremst und zerkleinert
oder sogar verdampft werden. Deswegen verwendet man das "Double Bumper
Concept", das heißt, der Schutzschild besteht aus mehreren dünnen
Wänden, den so genannten "Bumpern". Die Wahl der Materialien
ist gar nicht so einfach, da sie ja auch den extremen Bedingungen im All standhalten
müssen: große Temperatur- unterschiede, Strahlenbelastung von der
Sonne und die Aggressivität des atomaren Sauerstoffs. Als am effektivsten
hat sich dafür Aluminium erwiesen, sowie Nextel und Kevlar, die schon heute
auf der Erde für schusssichere Autokarosserien oder Westen verwendet werden.
Diesmal haben wir uns das vom Leben auf der Erde abgeschaut. Sonst ist es ja
oft andersherum, wie zum Beispiel beim Klettverschluss, der für den Alltag
im All entwickelt wurde.
"Warum kann man nicht einfach Schutzschilder bauen, die einen Meter dick
sind, da kommt dann doch nichts durch?" "Und das ganze Geld, das wir
dann ausgeben, um das Material hoch zu befördern ziehen wir von deinem
Gehalt ab, ja?! Jedes Kilogramm, das wir hochschießen, kostet 20 000 €.
Wir müssen alles so leicht wie möglich bauen, deshalb haben wir beispielsweise
die Hülle des Labors unter den Bumpern mit einer Wabenstruktur versehen,
die die wenige Millimeter dünne Schicht zusätzlich stabilisiert. So,
sorry, ich muss jetzt weiter zu unserer Testabteilung".
Stefan macht sich auf den Weg und hört schon von weitem viel versprechendes
Knallen. Es stammt von den Gaskanonen, die mit Aluminiumkugeln von ca. zwei
bis acht Millimetern Durchmesser mit bis zu 11 km/s auf die Bumper schießen.
"Na, macht ihr Fortschritte?", erkundigt sich Stefan. "Klar,
allerdings erreichen wir bei den Beschussproben immer noch nicht die Originalgeschwindigkeit
der Mikro- meteoriten von 17 bis 18 km/s, dazu fehlt uns die Technik. Aber wenigstens
können wir feststellen, welchen Abstand die Platten zueinander haben müssen,
damit die Wolke der auftreffenden Partikel, die von der ersten Schicht zerkleinert
werden, ihr größtmögliches Volumen erreicht haben. Wir prüfen
die ausgewählten Materialien und fertigen Bauteile auf Herz und Nieren,
keine Sorge."
Platten, so genannte "Witnessplates", die nur für die Versuche
hinter den Schilden befestigt werden, beweisen, dass die Bumper keine Partikel
durchlassen. Man merkt es daran, ob bei ihnen Aufschläge sichtbar sind
oder nicht. Am Computer findet die Auswertung der Versuche statt, Messungen
werden verarbeitet, Analysen werden erstellt und die Beschussproben mit realen
Geschwindigkeiten werden simuliert.
Einige Monate später… "Hey, Jan, altes Haus! Was machst du
denn hier, seit wann bist du denn wieder auf unserer Mutter Erde?" "Schon
`ne ganze Weile, ich wollte mal bei euch von EADS ST vorbeischauen und mir das
COLUMBUS-Labor angucken, bevor es ab zum Start nach Cape Canaveral geht!"
Stefan lacht: "Du, da hättest du dir noch Zeit lassen können…
Das dauert voraussichtlich noch bis Mitte 2005. Komm mal mit, ich zeig dir was."
Jan schaut skeptisch durch die Glasscheibe in die Halle hinein: "Muss ich
mich dafür etwa auch als Koch verkleiden?"
Tatsächlich, im Reinraum laufen Jan und Stefan nicht nur über den
klebrigen, entmagnetisierenden Bodenbelag, sondern vermummen sich ganz in weiß,
mit Kittel, einer schicken "Duschhaube" und Schuhüberzug. "Du
kommst jetzt gleich ins Allerheiligste des EADS ST-Geländes. Da muss alles
tipptopp sauber sein, damit später im All keine Schmutzpartikel die ISS
beschädigen. Hier haben nur sehr wenige Personen Zutritt. Du darfst nichts
außer den Geländern berühren, ok?"
Die beiden betreten den großen, mit Technik vollgestellten Raum. Die sterile
Atmosphäre macht Eindruck auf Jan, sie steigen eine kleine Treppe hinauf.
"Tataa- hier siehst du jetzt das originale Columbusmodul. Schau, teilweise
ist die Außenhülle komplett. Manchmal noch nicht, denn schon ganz
kleine Fehler verzögern den Fortschritt oft enorm, was damit zusammenhängt,
dass das Ganze ja ein europaweites Projekt ist. Die Teile kommen aus verschiedenen
Ländern und sind meist Einzelanfertigungen. Den ganzen Vorgang der Befestigung
nennt man dann Integration." Interessiert fragt Jan: "Sag mal, wie
läuft das denn dann genau bei der Integration ab?" "Tja, da gehört
eine ganze Menge dazu: "Als Vorbereitung muss das ganze Vorgehen erst theoretisch
aufgeschrieben werden. Danach muss die Arbeitsfläche, die durch den Schild
abgedeckt wird, gereinigt werden, denn an diese Teile kommt man ja später
nicht mehr ran. Anschließend folgt nun die eigentliche Integration nach
exakt festgelegten Prozeduren und mit sehr genauen Kontrollen. Denn stell dir
mal vor, was passieren würde, wenn sich im All einfach ein Teil löst
und dann durch das Labor schwebt?" Jan betrachtet die fertige Außenplatte
näher. "Ich hätte ja nicht gedacht, dass soviel Arbeit, gerade
bei den Kleinigkeiten dahinter steckt…Aber es stimmt, die sind echt wichtig.
Es sind ja alle Schrauben extra mit Bändern befestigt, damit sie nicht
durch die Gegend fliegen, falls sie sich lösen. Die Handgriffe an der Außenseite
benutze ich ja selbst immer zum Festhalten, wenn ich Weltraumspaziergänge
unternehme. Wow, ich bin echt beeindruckt… Da werdet ihr bestimmt nie
mehr Beschwerden von den Astronauten bekommen, oder?" "Hoffentlich…"
"Also, wenn ich gewusst hätte, was alles an diesem Schutzschild dran
ist, hätte ich damals auch nicht so eine Panik bei meinem Funkruf gemacht."
Nach so vielen Eindrücken und Informationen beeilt sich Jan, nach Hause
zu kommen. Gähnend zieht er sich seinen Pyjama an und legt sich in sein
Bett. Er mummelt sich gut ein und schlummert bald friedlich. Er träumt,
wie er nach einer Nacht in der ISS plötzlich aufwacht. Ein Geräusch
- "Was ist das?" Er schlägt die Augen auf und sinkt dann beruhigt
wieder in seine Federn: "Hach, bloß der Wecker."
Silvia Rohr und Gabriele Pätsch
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| Schutzschild für das Columbus-Modul. Foto: EADS SPACE Transportation |
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| Schutzschild für das Columbus-Modul. Foto: EADS SPACE Transportation |
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| Schutzschilder am Columbus-Modul. Foto: EADS SPACE Transportation |
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